ZNIITOTSCHMASCH - Patronensammlervereinigung

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ZNIITOTSCHMASCH

Patronengeschichte

Von Ing. Christian KOLL (A)

Die Geschichte des zentralen, wissenschaftlichen Forschungsinstitutes für Präzisions-Maschinenbau "ZNIITOTSCHMASCH"

Dieser Artikel soll eine Ergänzung zu Tony Williams´ hervorragendem Artikel Nr. 479-16 über russische Spezialpatronen sein. Der nun folgende Text wurde im Internet in einem russischen Diskussionsforum entdeckt. Leider war keine Quelle dafür angegeben, möglicherweise stammt er aus einer russischen Waffenzeitschrift? Ich habe diesen Text mit Hilfe eines automatischen Übersetzungsprogramms vom Russischen ins Deutsche übersetzt. Weiters habe ich zusätzliche Information aus eigener Recherche eingearbeitet. Dabei wurden folgende Unterlagen verwendet, die ich für den näher Interessierten sehr empfehlen kann:

- Tony Williams & Maxim Popenker, Assault Rifles
- D.N. Bolotin, Soviet Small-Arms and Ammunition
- Peter Labbett, Russian Small Arms Ammunition
- Ausgaben des russ. "Military Parade" Magazines (Jan./Feb. + Nov./Dez. 2001)
- Ausgaben des tschech. Patronensammler Mitteilungsblattes (5/1992 + 4/1997)

Der Artikel beschreibt weiters noch die Entwicklung von Kampfanzügen, Steuerungssystemen für Lenkwaffen sowie Artilleriewaffen. Hierbei kommen aber keine munitionsrelevanten Dinge zur Sprache, weshalb diese Absätze hier nicht wiedergegeben werden. Da der russische Originaltext keinerlei Fotos zeigt, habe ich einige Bilder aus meinem eigenen Fotoarchiv beigefügt. Weiters danke ich Rolf Pfennig und dem Woodin - Labor, welche ebenfalls Fotos zur Verfügung gestellt haben.
Geschichtlicher Überblick

Im Mai 2004 feierte das berühmte zentrale, wissenschaftliche Forschungsinstitut für Präzisions-Maschinenbau sein 60-jähriges Jubiläum. Diese einzigartige Institution der heimischen Wehrindustrie wurde erst Anfang der 90er Jahre einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Zum ersten Mal wird hier die Geschichte von ZNIITOTSCHMASCH und einiger seiner Entwicklungen erläutert.

Die Notwendigkeit wissenschaftliche Forschungsarbeiten und experimentelle Versuchsarbeiten zu zentralisieren wurde in der UdSSR schon vor dem 2.WK erkannt. Die Erfahrungen aus der Entwicklung, Herstellung und Anwendung von Waffensystemen zu bündeln, war ein Grund dafür. Ein weiter Grund war die Schaffung eines einheitlichen technischen Standards in den verschiedenen Branchen der Waffenindustrie. Besonders zu dieser Zeit wurden verschiedene zentrale Forschungsinstitute (NII) und Konstruktionsbüros (KB) im Bereich der Luftfahrt-, Artillerie- und Panzerwaffen geschaffen. Zur gleichen Zeit wurde auch ein spezielles wissenschaftliches Forschungsinstitut für Handfeuerwaffen ins Leben gerufen. Am 19. Juni 1941 entschied das SNK im Angesicht des drohenden Krieges die Errichtung des speziellen, wissenschaftlichen Forschungsinstitutes zu beschleunigen. Am 17. Mai 1944 gab D.F. Ustinow, der Volkskommissar für Bewaffnung, den Befehl zur Gründung eines wissenschaftlichen Forschungsinstitutes für Flugzeugbewaffnung (NIISPWA). Dieses Institut sollte auf dem Gelände der Fabrik N304 in Kuntschewo bei Moskau eingerichtet werden. Dieses Datum wurde zum Geburtstag des ZNII – des zentralen, wissenschaftlichen Forschungsinstitutes für Präzisions-Maschinenbau.

Mannigfaltige Aufgaben und Waffensysteme sollten an diesem Institut studiert, geplant, entwickelt und getestet werden. Die weltweit neu entwickelten Waffensysteme wurden von den Kollegen des Institutes studiert und analisiert, sowie ihre Anwendung in den fremden Armeen und die mögliche Verwendung in der Roten Armee geprüft. Im Institut wurde an verschiedenen wissenschaftlichen Forschungsarbeiten und experimentellen Versuchen gearbeitet, so zum Beispiel: Leistungsfähigkeit, Verbesserungsmöglichkeiten und die Möglichkeiten zur Vereinheitlichung von Funktionsmechanismen von automatischen Waffen und ihrer Munition. Die Ingenieure der NIISPWA, der herstellenden Betriebe sowie der NKW-Konstruktionsbüros halfen dabei, neue Waffen zu entwickeln. 1948 wurde das Institut beauftragt neue Waffensysteme, welche von den Konstruktionsbüros entwickelt wurden, zu testen, bevor diese and die staatlichen Teststellen weitergeleitet wurden. Das Institut stieg somit zur führenden Anstalt im Bereich der Rohrwaffenentwickler auf. Im selben Jahr (1948) wurde das NIISPWA in NII-61 umbenannt. 1949 wurde das Forschungsinstitut NII-44, welches sich mit der Entwicklung von Handfeuerwaffen-Munition beschäftigte, in den NII-61 Institutskomplex eingegliedert. 1950 wurde das Institut nach Klimow übersiedelt.

Im Jahre 1952 begann das Institut, gemeinsam mit dem NIR und anderen Betrieben, die Entwicklung von kleinen, gesteuerten Raketen und Lenkwaffen. Ebenso wurden Trainingsgeräte für die Bedienungsmannschaften von gelenkten Panzerabwehr-Raketen und tragbaren Luftabwehr-Raketen entwickelt. Diese wissenschaftlichen Arbeiten und experimentellen Versuche wurden bis in die 1960er-Jahre fortgeführt. Sie trugen wesentlich zur Entwicklung von Panzerabwehr-Lenkwaffen der ersten Generation bei. Ohne die dabei gemachten Erfahrungen wäre die Entwicklung von Panzerabwehr-Lenkwaffen der folgenden Generationen nicht möglich gewesen. Im Institut wurde 1957 eine eigene Abteilung für Forschung und Entwicklung im Bereich von Handfeuerwaffen eingerichtet. 1959 wurde das experimentelle Konstruktionsbüro OKB-180, welches sich mit der Entwicklung von Jagdwaffen beschäftigte, in den NII-61 Komplex eingegliedert. 1960 wurde eine eigene Abteilung zur Entwicklung und Verbesserung von Jagdpatronen und ihrer Komponenten gegründet. Während der 60er Jahre wurden im Institut verschiedene Entwicklungen im Bereich der Artilleriewaffen durchgeführt. Diese Entwicklungen waren der Begin einer ganzen Serie von zeitgenössischen Flugzeug-Bordkanonen, selbstfahrenden Artilleriegeschützen und Panzerabwehr-Kanonen. Mitte der 60er Jahre wurden die Aktivitäten des Institutes verbreitert, weil eigene Handfeuerwaffen für Spezialeinheiten und Polizeitruppen entwickelt werden mussten. Daneben ging auch die Entwicklung von Sport- und Jagdwaffen weiter.

Mitte der 60er Jahre führte das Institut NII-61 eine große Reihe and wissenschaftlichen und experimentellen Versuchen mit verschiedenen Waffensystemen durch. Diese sollten die Entwicklungsmöglichkeiten dieser Systeme für die Zukunft aufzeigen. Das Institut wurde zu einem Herzstück der Wehrtechnik-Industrie. Die signifikante Rolle, die das Institut NII-61 bei der Entwicklung neuer Waffensysteme spielte wurde 1966 bestätigt, als es in das „Zentrale, wissenschaftliche Forschungsinstitut für Bewaffnung des Ministeriums für Wehrtechnik-Industrie" (ZNIITOTSCHMASCH) umgewandelt wurde. Während der 60er- und 70er-Jahre schufen die Mitarbeiter des Institutes gemeinsam mit den herstellenden Betrieben und den MO Forschungszentren ein Konzept für ein zeitgenössisches Sturmgewehr. Bis heute wird dieses Konzept von Fachleuten als das beste der Welt geschätzt. Die Abteilungen des Institutes trugen wesentlich dazu bei, die Streitkräfte mit effektiven Waffen und Ausrüstungsgegenständen auszustatten. Die führende Rolle von ZNIITOTSCHMASCH wird durch die Entwicklung von über 90 Gewehrmodellen, Artilleriegeschützen, Panzerabwehrwaffen, technischer Kampfausrüstung und verschiedene Munitionssorten während des letzten halben Jahrhunderts deutlich. Alleine über 20 verschiedene Waffen und Ausrüstungsgegenstände wurden in den letzten 20 Jahren entwickelt. Solche Ausrüstungsgegenstände wurden auch für Spezialeinheiten und Polizeitruppen entwickelt, zur Serienreife gebracht und bei der Armee, der Luftwaffe, den Luftlande-Einheiten und der Marine in Dienst gestellt. Für die Errungenschaften im Bereich neuer Technologien wurde das Institut ZNIITOTSCHMASCH 1986 mit dem Orden der Oktober-Revolution ausgezeichnet. Im Laufe der Jahre des Bestehens des Institutes wurden über 300 Mitarbeiter mit Orden und Medaillen der UdSSR und Russlands geehrt. Über 50 Angestellte erhielten den Lenin-Orden oder den Staatspreis, Auszeichnungen des Ministerrates der UdSSR oder der Regierung Russlands. Über 20 von ihnen erhielten Orden oder symbolische Auszeichnungen für Errungenschaften in Wissenschaft und Technik.

Von der Umstrukturierung der Wehrtechnik-Industrie wurde jedoch auch das Institut ZNIITOTSCHMASCH erfasst. Zu dieser Zeit beschäftigten sich die Wissenschaftler des Institutes mit neuen Technologien und Diagnosegeräten im Bereiche der Medizin, Umweltkontrolle, Sicherheit von Kraftfahrzeugen und Selbstverteidigung von Zivilpersonen. Auch wurden technische Gerätschaften für die Landwirtschaft, die Textilindustrie und viele andere Branchen der nationalen Wirtschaft entwickelt. Seit 1992 nimmt das Institut auch regelmäßig and internationalen Waffenausstellungen teil. Die Waffenmodelle, die im Zuge solcher Ausstellungen gezeigt und demonstriert werden, hinterlassen einen bleibenden Eindruck bei ausländischen Experten. Viele Waffenmodelle die von ZNIITOTSCHMASCH entwickelt wurden werden heute weltweit exportiert. Die Anwendungsvielfalt der im Institut entwickelten Waffen spricht dabei für sich selbst. Am Anfang der Kriegshandlungen im ehemaligen Jugoslawien fürchteten die amerikanischen Streitkräfte die Begegnung mit Waffen, die von ZNIITOTSCHMASCH entwickelt worden waren. Darum erklärten die U.S.A. das Institut zum Komplizen des Terrorismus und erwirkten wirtschaftliche Sanktionen gegen das Institut. Während der letzten Jahre hat sich das Institut zu einem vielseitigen Zentrum für die Entwicklung, Erprobung und Herstellung von zeitgenössischer Ausrüstung und Spezialwaffen entwickelt. Dies beinhaltet Handfeuerwaffen, Schutzvorrichtungen vor Präzisionswaffen, Steuerungen für Panzerabwehr-Lenkwaffen, Artilleriewaffen für Luftlandeeinheiten, Kampfanzüge für Soldaten, Handfeuerwaffen Trainingsgeräte und verschiedene Mehrzweck-Ausrüstungsgegenstände.

Entwicklungen im Bereich der Handfeuerwaffen

Die entwickelten Handfeuerwaffen sind der ganze Stolz des Unternehmens. Seit Anfang der 1950er Jahre ist die Entwicklung von neuer und verbesserter Munition für Handfeuerwaffen einer der Hauptbereiche in denen das Institut tätig ist. In den 50er-Jahren wurde der Aufbau und die Produktionstechnologie der 7,62 mm M43 Patrone mit B-32 Panzerbrandgeschoss laufend verbessert und modernisiert.

7,62 x 39 Panzerbrandpatrone

Zwischen 1965 und 1997 lösten die Mitarbeiter des Institutes das komplexe Problem ein sehr präzises Scharfschützengeschoss mit Stahlkern zu entwickeln. Anfang der 70er-Jahre wurden verschiedene Leuchtspurpatronen verbessert. Die modernisierten 7,62 mm Leuchtspurpatronen T-46 für das Repetiergewehr (7,62 x 54 R) und T-45 für das Sturmgewehr (7,62 x 39) wurden in Dienst gestellt.

7,62 x 54 R Leuchtspurpatrone T-46

7,62 x 39 Leuchtspurpatrone T-45

Das neue 7,62 x 54R Leuchtspurgeschoss erhielt die Bezeichnung T-46M und ähnelte in seiner Flugbahn dem Vollmantelgeschoss besser als das alte Geschoss. Zum ersten Mal machte es eine langsam abbrennende und extra helle Leuchtspurmasse möglich, das Geschoss von Grund auf neu zu entwickeln und so die Streuung wesentlich zu verringern. Der Entwicklungsleiter des T-46M Projektes war Viktor Sabelnikow, welcher für lange Zeit der führende sowjetische Patronenentwickler war.

Von Mitte bis Ende der 80er-Jahre wurde die 7,62 mm Gewehrpatrone mit LPS (leichtem Stahlkern) Geschoss gemeinsam mit anderen Unternehmen der Region verbessert. Dieses neue Geschoss erhielt den Index "ST-M2". Die Konstruktion des gehärteten Stahlkernes wurde dazu geändert, die Metall-Legierung verbessert und der Geschossmantel war am Geschossheck nicht mehr um den Kern gebördelt. Das ST-M2 Geschoss wurde von den Entwicklern Sazonow, Dworjaninow, Bobrow, Gargeischwili und Uljanin entworfen.

Die Effektivität von schweren Maschinengewehren wurde gesteigert, indem man neue Munitionstypen entwickelte und bereits eingeführte Modelle verbesserte. Anfang der 60er-Jahre entwickelte das Institut eine 12,7 mm Patronen mit hochempfindlichem Brandgeschoss Model "ZMDBCH". Das bereits eingeführte Flugzeug Bord-MG A-12,7 war dazu bestimmt, diese Patronensorte zu verschießen. Dieses Waffensystem mit dieser Munitionstype wurde dazu verwendet um Aufklärungsballons abzuschießen, die während des Kalten Krieges fast täglich von den U.S.A. von Westdeutschland aus gestartet wurden.

(Frage des Übersetzers: Hat jemand eine solche 12,7 mm Anti-Ballonpatrone schon mal gesehen???)

Während der 70er und 80er Jahre wurden Patronen mit verbesserter Durchschlagsleistung beim Beschuss leicht gepanzerter Ziele entwickelt. Dies waren 12,7 mm- und 14,5 mm-Patronen mit speziellem Panzerbrandgeschoss BS, welches einen Kern aus Wolframcarbid aufweist.

12,8 x 108 Panzerbrandpatrone mit Hartkern und Brandsatz in Spitze und Heck des Geschosses

1989 wurde das 14,5 mm BS Geschoss entwickelt. Beachten sie, dass diese moderne Entwicklung nichts mit dem BS-41 Wolframcarbid-Geschoss der 14,5 mm Panzerbüchse aus dem 2.WK gemeinsam hat. Das neue BS Geschoss für das Nachkriegs-MG KPV hat die doppelte Durchschlagsleistung des modernen 14,5 mm B-32 und des 12,7 mm BS Geschosses. Es wurde von Petr Sazonow, Wladimir Bobrow, Viktor Schitow, Donat Weronski und anderen Entwicklern entworfen.

Für die Luftstreitkräfte der Armee wurden in den 80er Jahren zwei verschiedene 12,7 mm Duplexpatronen 1SL und 1SLT entwickelt. Diese werden im vierläufigen Gatling-MG YakB-12,7 des Mi-24 Helikopters verwendet. Die Duplexpatronen wurden von Viktor Sabelnikow, Petr Sazonow, Vladimir Bobrow, Valeri Cherwjakow, Sergei Rozanow, Wladislav Djorjaninow und Uljanow entworfen.

12,7 x 108 Duplexpatronen 1SL und 1SLT

Generell wurden während der letzten 20 Jahre die Geschosse und Geschosskerne modernisiert, neue Materialien verwendet und die Geschossform optimiert. Dies steigerte die Leistungsfähigkeit der heimischen Handfeuerwaffen-Patronen um mehr als 100 Prozent. Von Mitte der 50er bis Anfang der 60er-Jahre arbeiteten die Spezialisten des Institutes intensiv an der Verbesserung von Waffenmodellen, die kurz nach dem 2.WK eingeführt worden waren. Das Resultat dieser Arbeit war das Sturmgewehr AKM und das leichte Maschinengewehr RPK, welche 1959 in Dienst gestellt wurden. Um das alte Bataillons-Maschinengewehr (SMG) und das Kompanie-Maschinengewehr (RP-46) zu ersetzten, wurde 1961 das Universal-MG "PK" eingeführt. Im Jahre 1963 wurde das Scharfschützengewehr SVD ein Dienst gestellt.

Die Entwickler und Hersteller dieser Waffen sind heute weltberühmt. Aber wohl niemand weiß, dass die Mitarbeiter des Institutes eine wesentliche Rolle beim Fertigstellen dieser Waffenmodelle gespielt haben.

Von Ende der 50er bis Anfang der 60er Jahre unternahmen die Entwickler des Institutes signifikante Anstrengungen um ein neues und viel versprechendes automatisches Sturmgewehr zu entwickeln. Zu dieser Zeit zeigten Nachforschungen in der UdSSR, dass der realistischste Weg die Kampfkraft einer militärischen Handfeuerwaffe zu steigern darin lag, eine neue Patrone mit reduzierter Leistung, sowie ein Sturmgewehr der nächsten Generation für diese Munition zu entwickeln. Anfang der 60er-Jahre wurden mehrere neue Handfeuerwaffen und Patronen studiert. Darunter war auch eine viel versprechende 5,45 mm Patrone, ein Sturmgewehr, eine Maschinenpistole und ein leichtes Maschinengewehr für diese Munition. Diese Waffen waren auch dazu bestimmt, die 7,62 mm Gewehr- und Maschinengewehrmunition abzulösen und das universale Maschinengewehr zu verbessern. Diese 5,45 mm Patronen wurden von den Spezialisten von ZNIITOTSCHMASCH zusammen mit Organisationen wie KBAL, KSCHZ, TPZ und MO entwickelt. Viktor Sabelnikow war der Leiter des Entwicklungsteams, welches unter anderem aus Lydia Bulawskaja, Boris Semin, Michail Fedrow, Petr Sazonow und Petr Korolew bestand. Die grundlegenden Daten der 5,45 mm - Patrone waren ein Gesamtgewicht von 10,2 g, ein Geschossgewicht von 3,4 g und ein Treibladungsgewicht von 1,45 g. Der maximale Gasdruck ist 294 MPa. Das kleinkalibrige Geschoss hat eine sehr hohe Querschnittsbelastung, eine hohe Mündungsgeschwindigkeit und eine sehr flache Flugbahn. Diese Eigenschaften verleihen ihm eine außergewöhnlich hohe Durchschlagsleistung. Auf eine Entfernung von 350 m durchschlägt das Geschoss noch 5 mm Stahlblech! Das 5,45 mm Geschoss ist an der Grenze der Drallstabilität entwickelt worden. Dies bedeutet, dass es zwar ausreichend stabil durch die Luft fliegt, es aber zu taumeln beginnt, sobald es Körpergewebe trifft. Dies wird erreicht, in dem man den Schwerpunkt weit nach hinten in Richtung Geschossheck verlegt. Die Spitze des Vollmantelgeschosses ist hohl, sodass diese beim Aufschlag auf ein Ziel zerstört wird. Dies fördert den Taumeleffekt des Geschosses im Ziel noch weiter.

Im Institut wurden neben der Munition auch Waffen mit unterschiedlichen Aufbaukonzepten entwickelt. Dies vergrößerte die Möglichkeiten der neu entwickelten Waffensysteme. All diese Konzepte wurden an die Konstruktionsbüros der Branche weitergeleitet. Als Ergebnis des Wettstreites um ein neues Handfeuerwaffensystem wurde schließlich das 5,45 mm Sturmgewehr im Jahre 1974 in Dienst gestellt. In diesem System waren 5,45 mm Patronen mit Vollmantel- und Leuchtspurgeschossen, sowie das Sturmgewehr AK74 und das leichte MG RPK74 enthalten. Etwas später, im Jahre 1979, wurde die verkürzte Version des Sturmgewehres, die AKS74U eingeführt. Das Institut spielt auch heute noch eine erhebliche Rolle bei der Entwicklung neuer Konzepte für zukünftige Handfeuerwaffen. Jedoch war die Entwicklung der 5,45 mm Systemfamilie die herausragendste Entwicklung in der heimischen Handfeuerwaffenindustrie nach dem 2.WK. Noch heute, über 30 Jahre nach der Einführung dieses Systems machen die grundsätzlichen Parameter und Kampfeigenschaften diese Sturmgewehr Familie zu einer der besten der Welt. Besonders was die Zuverlässigkeit betrifft, gibt es weltweit keine vergleichbare Waffe.

Weitere Konzepte wurden während der 70er und 80er Jahre entwickelt, um die Feuerkraft von individuellen Waffen zu steigern und die Richtung für weitere Verbesserungen aufzuzeigen. Das Ergebnis dieser umfangreichen theoretischen und experimentellen Studien war die Basis für die bekannte "Abakan" Waffenfamilie. Die wissenschaftlichen und technischen Möglichkeiten von ZNIITOTSCHMASCH wurden den Entwicklern und der Izhewsker Waffenfabrik zur Verfügung gestellt. 1997 wurde der "Automat Nikonov" AN-94 "Abakan" bei der Russischen Armee eingeführt. Während der 90er Jahren wurde die wissenschaftliche und technische Leitung des Institutes vom OKR "Grach" übernommen. Das Ergebnis war die Entwicklung und Einführung eines neuen Armeepistolen-Systems. Dieses bestand aus der "Jargin" Pistole PJa (aus Izhewsk) und der 9 x 19 - Pistolenpatrone, welche im Institut entwickelt wurde.

Spezialwaffen

Neben der Entwicklung von allgemeinen Armeewaffen wurde ZNIITOTSCHMASCH auch zu einer führende Institution im Bereich der Spezialwaffen. Die Spezialisten des Institutes entwickelten die grundsätzlichen Voraussetzungen, um den Schussknall zu dämpfen, was wiederum die Voraussetzung für eine schallgedämpfte Waffe war. Mitte der 50er-Jahre wurde an einer schallgedämpften Waffe auf Basis des AK - Sturmgewehres gearbeitet. Diese Waffe war für Spezialeinheiten und Aufklärungstruppen der Armee bestimmt. Das Ergebnis dieser Arbeit wurde 1962 in der Armee in Dienst gestellt: Die 7,62 mm Patrone "US" mit reduzierter Mündungsgeschwindigkeit und die schallgedämpften und mündungsfeuerfreien Waffen PBS und PBS-1. Bis in die 80er-Jahre gab es weltweit kein weiteres System mit ähnlicher Feuerkraft. 1967 bekamen die Spezialeinheiten die 9 mm Pistole PB und 1972 die automatische schallgedämpfte Pistole 6P13. Beide Waffen wurden von ZNIITOTSCHMASCH entwickelt. Die Spezialpatrone SP-3 wurde ebenfalls vom Institut entwickelt. Diese Munition wurde in der schallgedämpften Pistole MSP und dem Nachrichtenoffiziersmesser NRS verwendet, welche in Tula entwickelt wurden. Ende der 70er Jahre konzentrierte sich die wissenschaftliche und experimentelle Arbeit darauf, ein einheitliches schallgedämpftes Gewehrsystem zu entwickeln. Dieses System sollte die unterschiedlichen Waffentypen der Spezialeinheiten, der Sowjetischen Armee und des KGB ersetzen. Als Ergebnis wurde ein einheitliches schallgedämpftes Waffensystem kreiert und in Dienst gestellt. 1983 wurde ein Pistolensystem, bestehend aus der PSS Pistole und der SP-4 Patrone eingeführt. Später wurde in Tula auf Basis der SP-4 - Patrone das Nachrichtenoffiziersmesser NRS-2 entwickelt. 1987 entwickelte das Institut ein Scharfschützensystem, bestehend aus dem VSS Gewehr mit PSO-1-1 Visier und der SP-5 Patrone. Dieses System wurde ebenfalls in Dienst gestellt. Etwas später, 1989, wurde auf der Basis dieses Gewehres das spezielle Sturmgewehr AS entwickelt, welches ebenfalls die Patronen SP-5 und SP-6 verschoss.

Eine spezielle Version des AKS-74U wurde für die Spezialeinheit SPEZNAZ entwickelt. Diese wurde mit einem rasch abnehmbaren Schalldämpfer und einem speziellen, schallgedämpften 30 mm Granatwerfer Modell BS-1 "Tischina" ("still") ausgestattet. Der Granatwerfer ist unter dem Sturmgewehrlauf montiert und verwendet spezielle "dual-purpose" Sprenggranaten, die mittels schallgedämpfter Treibpatronen verschossen werden. Die Treibpatronen sind in einem Magazin im Griffstück des Granatwerfers untergebracht. (Frage des Übersetzers: Kann jemand technische Daten, Bilder oder sonst irgendwelche Informationen über diese 30 mm Sprenggranaten und die dazugehörigen Treibpatronen liefern?)

7,62 mm Nahpatrone PZAM, Mündungsgeschwindigkeit 150m/s

Eine bedeutende Errungenschaft des Institutes war die Entwicklung von Unterwasserwaffen. Bis heute wurde eine solche Leistung nicht mehr erreicht. Oleg Krawchenko entwarf eine Theorie zum Schießen unter Wasser. Das Problem dabei ist, dass Wasser 800 mal dichter ist als Luft. Die Strömung entlang eines Geschosses in Wasser wird sehr stark von dessen äußerer Form beeinflusst. Es bildet sich eine Kavitätshöhlung (Vakuum) welche die Wasserströmung von der Oberfläche des Geschosses abhebt. Diese Effekte bewirken, dass normale Gewehrgeschosse in Wasser nicht stabil sind und zu taumeln beginnen.

Schnittdarstellung verschiedener Nahpatronen (geladen und abgeschossen) um die Funktionsweise deutlich zu machen. Von links nach rechts: 7,62 mm PZAM, 7,62 mm SP-4, 7,62 mm SP-3.

So ist zum Beispiel die Reichweite eines 5,45 mm AK-74 Vollmantelgeschosses in Wasser geringer als ein Meter. Aus diesem Grund weisen Unterwasserpatronen ein großes Längen- zu Durchmesser-Verhältnis auf und verjüngen sich nach vorne kegelförmig.

Die Geschossspitze ist dabei flach, wodurch eine kontrollierbare Kavität mit kleinem Durchmesser entsteht und zudem noch der hydraulische Widerstand verringert wird. Das Geschoss pendelt dabei in der Kavität, quasi an der flachen Geschossspitze aufgehängt. Das Geschossheck streift dabei immer wieder die seitlichen Grenzen der Kavität und damit wird das Geschoss im Wasser stabilisiert.

1970 wurde die spezielle Unterwasserpistole SPP-1 in Dienst gestellt, welche eine 4,5 mm Patrone SPS verwendete. Die Pistole wurde von Vladimir Simonow und seiner Frau Elena entwickelt und wird mit einem Clip, der vier 4,5 mm Patronen hält, geladen. Die modernisierte Version SPP-1M hat eine verbesserte Fühlbarkeit des Unterwasserpistole SPP-1M mit vier abgeschossenen Hülsen, daneben Tauchermesser, wie im "Zentralen Waffenmuseum der SSSR" in Moskau ausgestellt.

Abzugweges und einen größeren Abzugsbügel. Damit können auch Taucher mit dicken Handschuhen die Pistole verwenden. Bei einer Tauchtiefe von 5 m wird die tödliche Reichweite mit 17 m angegeben. Jedoch sollte man diese Angabe nicht mit der zielgenauen Reichweite verwechseln: Diese liegt bei lediglich 5 – 7 m und nur wenige, erfahrene Schützen sind in der Lage gezielte Schüsse bis auf 10 m Entfernung abzugeben. Grundsätzlich kann die Waffe sowohl unter Wasser als auch in Luft abgefeuert werden. Jedoch ist die Pistole in der Luft von vernachlässigbarer Brauchbarkeit. Das in Luft instabile Geschoss begrenzt die effektive Reichweite auf maximal 15m. Die Patrone ist zudem so leistungsstark, dass ein Schiessen in Luft sehr heftigen Rückstoß erzeugt. Dies überzeugt den Schützen davon, die Pistole nur in äußersten Notfällen an der Oberfläche zu verwenden. 1975 wurde das Unterwasser-Sturmgewehr APS eingeführt, welches 5,66 mm Patronen mit Massivgeschoss (MPS) und Leuchtspurgeschoss (MPST) verschoss. Das APS schießt bei verriegeltem Verschluss und verwendet ein Gasdrucksystem, welches sowohl unter Wasser als auch in Luft arbeitet.

Die Waffe ist sogar kürzer und leichter als das AK-74 und sein Magazin fasst 26 Stück 5,66 mm Patronen. Die effektive Reichweite in Luft wird mit 30 m angegeben. 30 m ist auch die effektive Reichweite bei einer Tauchtiefe von 5 – 40 m. Jedoch ist auch hier das lange Geschoss in der Luft nicht stabil, was es de facto unmöglich macht, in freiem Anschlag ein Ziel von 1x1 m Größe auf einen Entfernung von 50 m zu treffen. Auch sollte man nicht vergessen, dass die Geschwindigkeiten der beweglichen Teile (Verschluss und Verschlussträger) des Sturmgewehres sehr unterschiedlich sind, je nachdem, ob man nun unter Wasser oder in der Luft schießt. Der Unterschied ist so groß, dass die garantierte Lebensdauer der Waffe mit 2000 Schuss unter Wasser und mit nur 180 Schuss in der Luft angegeben wird. Ein weiteres Problem tritt auf, wenn man ein und dieselbe Waffe in zwei verschiedenen Medien gebraucht. Wasser im Lauf (bei einem Tauchgang unvermeidlich) ist nicht kompressibel und birgt die ständige Gefahr in sich, dass der Lauf sich ausbaucht, das Zündhütchen herausgepresst wird und der Verschlussmechanismus der Waffe Schaden nimmt. Die Abfeuern der Waffe ist deshalb ständig mit einer gewissen Eigengefahr verbunden, was die russischen Unterwasserwaffen generell nicht so problemlos erscheinen lässt, als die russische Propaganda uns glauben machen will. Die Patronen für die Unterwasserwaffen wurden von Petr Sazonow und Oleg Krawchenko entwickelt, wofür sie 1983 den Staatspreis erhielten.

Die Reduktion von Aufträgen und ein chronischer Geldmangel im Land hat seit den 90er Jahren die Forschungs- und Entwicklungsarbeit von ZNIITOTSCHMASCH beeinträchtigt. Jedoch erlaubte das intellektuelle Potential des Institutes nicht nur ein Überleben in finanziell schwierigen Zeiten, sondern auch die gestellten Aufgaben zu lösen und neue und sehr effektive Waffensysteme zu entwickeln. 1990 wurde das kompakte Sturmgewehr SR3 von ZNIITOTSCHMASCH entwickelt, welches die SP-5 und SP-6 Patronen verwendet. Es wurde 1996 für eine spezielle Untereinheit der Polizeitruppen eingeführt. Ebenso 1996 wurde ein leistungsstarkes 9 mm Pistolensystem vom Institut entwickelt und in Dienst gestellt. Es besteht aus der halbautomatischen Pistole SR1 und der neuen Pistolenpatrone 9x21 SP-10. Auf Basis dieser 9 x 21 SP-10 Patrone wurde dann im Jahre 2000 die 9 mm Maschinenpistole SR2 entwickelt und eingeführt. Später wurde die verbesserte Version SR2M vom Institut entwickelt. Die 9x21 SP-10 Patrone durchschlägt Schutzwesten, die zwei 1,4 mm dicke Titanplatten und 30 Lagen Kevlargewebe beinhalten (oder 4 mm Stahlblech) auf eine Entfernung von 50 m aus der SR-1 Gyurza Pistole, bzw. auf eine Entfernung von 100 m aus der SR-2 Maschinenpistole. Zusätzlich zur SP-10 Patrone wurde später auch ein SP-11 Version mit Bleikern entwickelt, die sich bei flachem Aufprallwinkel zerlegt. Weitere Geschosstypen im Kaliber 9 x 21 sind ein Expansivgeschoss (Mannstopper) SP-12 und ein Panzerbrand-Leuchtspurgeschoss SP-13.

9 x 39 Patronen mit SP-5 (oben) und SP-6 (unten) Geschossen

In den 90er Jahren wurde weiterhin an einer Erweiterung der Möglichkeiten eines einheitlichen Maschinengewehres gearbeitet. Hierbei arbeiteten die Büchsenmacher von Kowrow mit dem Institut zusammen und übernahmen die führende Rolle im Institut. Das Ergebnis dieser Zusammenarbeit war das 7,62 mm Kalaschnikow - Infanterie-Maschinengewehr "Pecheneg", welches im Jahr 2000 fertig gestellt und eingeführt wurde. Verglichen mit seinem Vorgängermodell hat es weit bessere Kampfeigenschaften. Die Möglichkeiten der militärischen Gewehrbewaffnung wurden jedoch nicht nur durch Verbesserungen am Waffensektor erweitert, sondern auch durch Verbesserungen an der Munition. Die meiste Spezialpatronen, insbesondere die Typen SP-4, SP-5, SP-6, SP-7 und SP-8, sowie die Unterwasserpatronen werden heute von den "Klimowsker Stanzwerken" (Herstellercode 711) hergestellt. Übrigens, die SP-7- und SP-8 - Patronen sind Spezialpatronen für die 9 mm Makarov - Pistole und zur Verwendung gegen Flugzeugentführer gedacht. Die SP-7 hat ein Hohlspitzgeschoss mit einer runden Kappe aus schwarzem Polyethylen und ist auf maximale Aufhaltekraft ausgelegt. Das Geschossgewicht ist 4,1 g, die Mündungsgeschwindigkeit 420 m/s und der maximale Gasdruck 122,6 MPa. Die SP-8 besitzt ebenso höchstmögliche Aufhaltekraft, jedoch bei gleichzeitig geringst möglichem Schaden an der schwachen Flugzeughülle. Dieses Geschoss hat keine Kunststoffkappe, sondern eine offene Hohlspitze und wiegt ebenfalls 4,1 g. Die Mündungsgeschwindigkeit wurde auf 255 m/s reduziert und der maximale Gasdruck beträgt 78,5 MPa. (Frage des Übersetzers: Hat jemand solche 9 mm Makarov - Patronen schon einmal in Realität gesehen?)

Am Begin des 21. Jahrhunderts entwickelten die Mitarbeiter des Institutes zusammen mit den Spezialisten der Munitionsfabriken neue Patronensorten in fast allen Kalibern und Geschosstypen. Die Durchschlagsfähigkeit von normaler Vollmantelmunition und spezieller panzerbrechender Munition wurde weiter gesteigert. Die Reichweite von Leuchtspuren wurde vergrößert, in dem man den Beginn des Abbrandes verzögerte. Zwischen 2002 und 2003 wurden 17 neue Patronenarten in Dienst gestellt. Die führende Rolle von ZNIITOTSCHMASCH im Bereich der Handfeuerwaffen hat sich heute bei allgemeinen Militärwaffen und speziellen Handfeuerwaffensystem manifestiert. Zusammen mit den Unternehmen OPK und NIO MO, welche andere Waffensysteme und Kampfanzüge für Soldaten entwickeln, ergibt sich eine optimale Kombination.

Das zentrale, wissenschaftliche Forschungsinstitut für Präzisions-Maschinenbau hat heute die Anschrift:

2 Zawodskaja St., Klimowsk 142181, Region Moskau, Russland.
Tel.: (095) 996-5909, Fax: (095) 996-5910

Im Gegensatz zu Tony Williams Datentabelle geben die Klimowsker Stanzwerke die folgenden technischen Daten auf ihrer Internetseite http://kshz.h1.ru/index.shtml bekannt:

SP-4: Mündungsgeschwindigkeit 200 m/s
SP-5 und SP-6: Mündungsgeschwindigkeit 315 m/s


 
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